Praktische Vernunft

Zur Theorie des Handelns
12,40 EUR
inkl. MwSt zzgl. Versand
  • Verlag: Suhrkamp
  • 26.01.1998
  • Buch
  • 240 Seiten
  • kartoniert
  • ISBN: 978-3-518-11985-3
Pierre Bourdieu umreißt im vorliegenden Band seine theoretischen Grundannahmen, die zugleich auch immer aus der Praxis des konkreten Forschungsprozesses erwachsende und sich an ihr zu bewährende Prinzipien sind. Bei der Analyse u. a. des sozialen und des symbolischen Raums, der Soziologie des Kunstwerks, der Staatsbürokratie und in der Diskussion mit den Positionen »strukturalistischer« Philosophen, mit den Ansätzen von Strawson, Austin, Wittgenstein und Kripke wie klassischer Philosophen, erweist sich Pierre Bourdieu einmal mehr als ein »Philosoph wider Willen«, der wesentliche philosophische Probleme nicht nur neu formuliert, sondern sie auch einer neuartigen Lösung zuführt.

Inhalt

Vorwort 7

1. Sozialer Raum, symbolischer Raum
Das Reale ist relational 15
Die Logik der Klassen 23
Anhang: Die »sowjetische« Variante und
das politische Kapital 28
2. Das neue Kapital
Das Bildungswesen, ein Maxwellscher Dämon? 36
Kunst oder Geld? 41
Anhang: Sozialer Raum und Feld der Macht 48
3. Für eine Wissenschaft von den kulturellen Werken
Das Werk als Text 56
Die Rückführung auf den Kontext 59
Der literarische Mikrokosmos 62
Stellungen und Stellungnahmen 62
Das Feld des Fin de siecle 66
Der Geschichts-Sinn 69
Dispositionen und Verläufe 72
Anhang 1: Die biographische Illusion 75
Anhang 2: Der doppelte Bruch 83
4. Staatsgeist. Genese und Struktur des bürokratischen Felds
Radikaler Zweifel 96
Kapitalkonzentration 99
Das symbolische Kapital 108
Die staatliche Konstruktion des Geistes 115
Die Monopolisierung des Monopols 113
Anhang: Familiensinn 126
5. Ist interessenfreies Handeln möglich?
Die Investition 140
Gegen den Utilitarisrnus 143
Interessenfreiheit als Leidenschaft 151
Die Verallgemeinerungsprofite 154
6. Die Ökonomie der symbolischen Güter
Gabe und do ut des 163
Die symbolische Alchimie 169
Die Anerkennung 173
Das Tabu der Berechnung 176
Reine Kunst und kommerzielle Kunst 182
Das Lachen der Bischöfe 186
Anhang: Ein Wort zur Ökonomie der Kirche 198
7. Die scholastische Sicht
Ernsthaft spielen 203
Die Theorie der theoretischen Sicht 206
Das Privileg des Allgemeinen 211
Logische Notwendigkeit und sozialer Zwang 216

Über eine paradoxe Grundlage der Moral
Pierre Bourdieu, am 1.August 1930 in Denguin (Pyrénées Atlantiques) geboren, besuchte dort das Lycée de Pau und wechselte 1948 an das berühmte Lycée Louis-le-Grand nach Paris. Nachdem er die Eliteschule der École Normale Supérieure durchlaufen hatte, folgte eine außergewöhnliche akademische Karriere. Von 1958 bis 1960 war er Assistent an der Faculté des lettres in Algier, wechselte dann nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales. Im selben Jahr begann er, die Reihe Le sens commun beim Verlag Éditions de Minuit herauszugeben und erhielt einen Lehrauftrag an der Ècole Normale Supérieure. Es folgten Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte in Princeton und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Seit 1975 gibt er die Forschungsreihe Actes de la recherche en sciences sociales heraus. 1982 folgte schließlich die Berufung an das Collège de France. 1993 erhielt er die höchste akademische Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird, die Médaille d'or des Centre National de Recherche Scientifique. 1997 wurde ihm der Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen verliehen.

In seinen ersten ethnologischen Arbeiten untersuchte Bourdieu die Gesellschaft der Kabylen in Algerien. Die in der empirischen ethnologischen Forschung gemachten Erfahrungen bildeten die Grundlage für seine 1972 vorgelegte Esquisse d'une théorie de la pratique (dt. Entwurf einer Theorie der Praxis, 1979). In seinem wohl bekanntesten Buch La distinction (1979, dt. Die feinen Unterschiede, 1982) analysiert Bourdieu wie Gewohnheiten, Freizeitbeschäftigungen, und Schönheitsideale dazu benutzt werden, das Klassenbewußtsein auszudrücken und zu reproduzieren. An zahlreichen Beispielen zeigt Bourdieu, wie sich Gruppen auf subtile Weise durch die feinen Unterschiede in Konsum und Gestus von der jeweils niedrigeren Klasse abgrenzen. Mit Le sens pratique (dt. Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, 1987) folgte 1980 eine ausführliche Reflexion über die konkreten Bedingungen der Wissenschaft, in der Bourdieu das Verhältnis von Theorie und Praxis neu zu denken versucht. Ziel dieser Analysen ist es, die "Objektivierung zu objektivieren" und einen Fortschritt der Erkenntnis in der Sozialwissenschaft dadurch zu ermöglichen, daß sie ihre praktischen Bedingungen kritisch hinterfragt.

Seit dem Beginn der 90er Jahre engagiert sich Bourdieu für eine demokratische Kontrolle ökonomischer Prozesse. 1993 rief er zur Gründung einer "Internationalen der Intellektuellen" auf, deren Ziel darin besteht, das Prestige und die Kompetenz im Kampf gegen Globalisierung und die Macht der Finanzmärkte in die Waagschale zu werfen. Die im selben Jahr gegründete Zeitschrift Liber soll dazu ein unabhängiges Forum bieten. Seine politischen Aktivitäten zielen darauf ab, eine Versammlung der "Sozialstände in Europa" einzuberufen, die den europäischen Einigungsprozeß kontrollieren und begleiten soll.

Pierre Bourdieu stirbt am 23. Januar 2002 in Paris.